FUßBALL:

Keine totale Gerechtigkeit

Fußballtennis-Einzel beim Training der SpVgg Althausen/Aub unter der Anleitung von Spielertrainer Kilian Kuhn (3. von links). Foto: Rudi Dümpert

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Dieses viel zitierte Motto von Sepp Herberger wurde nach dem ersten Spieltag nach der Winterpause Mitte März ad absurdum geführt wie nie zuvor. Bleibt es denn beim Re-Start für den Amateurfußball in Bayern am 1. September, dann hieße „vor dem Spiel“ eine Zeit von fünfeinhalb Monaten. Wobei immer noch nicht sicher ist, ob es, je nach Verlauf der Corona-Pandemie dann auch wirklich losgehen kann mit der Restrunde der Saison 2019/20.

Teil 1 der Lockerung ist inzwischen erfolgt: Trainingsbetrieb wieder möglich unter Einhaltung diverser Hygiene- und Abstandsbestimmungen. Obendrein ein paar Tipps vom Verband über das Wie. Doch wann beginnt man mit dem Training, wenn zwei gefühlte Sommerpausen hinter und weitere vor einem liegen? Wir hörten uns um bei einigen Vereinen des Landkreises.

Mal wieder gegen den Ball treten und Gemeinschaft erleben

Kreisligist SG Urspringen-Sondheim/Rhön hat schon wieder Fußball-Luft auf dem grünen Rasen geschnuppert. „Es war natürlich kein normales Training. Aber die Spieler sollten mal wieder gegen den Ball treten können und ein bisschen Gemeinschaft erleben“, sagt SG-Trainer Markus Herbert. Um gleich zu ergänzen: „Wir haben den Leitfaden des Bayerischen Fußballverbandes streng eingehalten.“ Vor der Premiere am Freitag, 15. Mai, auf dem Sportplatz in Sondheim/Rhön hatte Markus Herbert seinen Schützlingen die Richtlinien zukommen lassen. So sei das Betreten des Sportheimes absolut tabu gewesen. „Jeder hatte seinen eigenen Ball, jeder sein eigenes Leibchen. Jeder nahm den Ball danach wieder mit nach Hause zum Desinfizieren und das Leibchen zum Waschen.“ Wie hungrig die Fußballer nach dem runden Ball waren, spiegelt sich in der Trainingsbeteiligung von 17 Akteuren wider. Standen so viele Bälle zur Verfügung? „Ja, wir hätten auch noch 15 mehr gehabt“, sagt Herbert mit einem Schmunzeln.

Auf dem Spielfeld wurde ein Parcours mit mehreren Stationen aufgebaut: Passspiel, Koordination, technische Übungen und Torschuss. So rotierten die Kleingruppen von Station zu Station. „Ich habe während des Trainings bestimmt zehn Mal gerufen, dass ja alle den Mindestabstand einhalten.“ Und wenn die Hütchen umfielen, durften die Spieler diese nicht selbst wieder aufheben. Herbert freute sich über die eiserne Disziplin, die auch in den nächsten Wochen beibehalten wird. Es ist nämlich geplant, „dass wir mindestens einmal in der Woche trainieren“. Für ihn sei indes die Vorbereitung schwierig. „Ich versuche, das Training im Rahmen des Erlaubten so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Das ist mit mehr Aufwand als sonst verbunden.“

Markus Herbert sieht eine Fortsetzung kritisch

Die ab September geplante Weiterführung der Saison sieht Herbert sehr skeptisch. Für ihn genießt die Gesundheit absolute Priorität. So lange es keinen Impfstoff gegen Corona gibt, „wäre es unverantwortlich zu spielen“. Er bezieht sich dabei u. a. auf einen Spieler aus seinem näheren Umfeld. Dieser hatte sich mit dem Virus Covid-19 infiziert, obwohl er keine Symptome gezeigt hatte, und musste in Quarantäne. Fußball sei nun einmal ein Zweikampfsport mit viel Körperkontakt mit entsprechend hohem Risiko einer Ansteckung.

Wie bei einem Abbruch der Saison verfahren? Da wären für Herbert zwei Möglichkeiten denkbar. „Die Saison auf Null stellen, ohne Auf- und Absteiger“. Oder aber „die aktuellen Tabellenführer aufsteigen lassen und auf Absteiger verzichten.“ Letzteres würde die Ligenstärken zwar erhöhen, wäre aber danach mit einem verschärften Abstieg wieder zu regulieren.

„Das kann ich noch nicht genau sagen“, meint Markus Herbert auf seine sportliche Zukunft bei der SG Urspringen-Sondheim/Rhön angesprochen. Gespräche seien bereits geführt worden. „Aber durch Corona hat sich vieles verändert. Wir werden uns noch einmal zusammensetzen und neu darüber reden.“

Vereinsleben ist derzeit nicht möglich

Beim Kreisklassisten VfB Burglauer läuft noch nichts auf dem Sportplatz. Das haben Jürgen Wehner, Vorsitzender und Sportleiter, und das Trainerteam Stefan Blum/Marco Mangold auch so vereinbart. „Das könnte nur ein abgespecktes Training sein. Die Auflagen sind zu hoch, da kann man nicht viel machen“, sagt Wehner. „Keine Einwürfe, keine Kopfbälle, keine Zweikämpfe. Und die Spieler müssen bereits umgezogen kommen, können nachher im Sportheim nicht duschen und gehen wieder heim.“ Wehner betont: „Bei einem kleinen Verein wie unserem kommen der Zusammenhalt und der Gemeinschaftsgeist über den Sport. Ein Vereinsleben ist derzeit nicht möglich.“

So fließt auch kein Geld in die Kasse. Gerade auch deshalb, weil der VfB Pächter der Rudi-Erhard-Halle ist und Feierlichkeiten wie Hochzeiten, Geburtstage, Kommunion bzw. Tröster nach Beerdigungen nicht erlaubt sind. „Aber Unterhaltungsmaßnahmen am Sportgelände mit den zwei Rasenplätzen müssen erledigt werden.“ In diesem Zusammenhang verweist Wehner auf das gute Einvernehmen mit der Gemeinde. „Da sind wir auf einem guten Weg“, sagt er bezüglich der Aussetzung der Pacht in der Corona-Zeit.

Die aktuelle Saison weiterführen oder abbrechen? „Es wäre sinnvoller gewesen, die Runde abzubrechen. Ohne Wertung“, sagt Wehner. Falls der Ball ab September wieder rollt, erwartet er, „dass wir sechs bis acht Wochen vorher Bescheid bekommen und das Training auch in vollem Umfang gestattet wird.“ Für ihn wäre das ein „Kaltstart – wie nach einer Winterpause“. Sein letztes Pflichtspiel hat der VfB Burglauer (derzeit auf dem Abstiegsrelegationsplatz in der Kreisklasse Rhön 2) vor sechseinhalb Monaten (0:5 beim VfR Bischofsheim) bestritten.

Der SV Eichenhausen/Saal kann's kaum erwarten

„Wir machen noch gar nichts“, beschreibt Sebastian Schmitt, Trainer des souveränen Tabellenführers der A-Klasse Rhön 2, SV Eichenhausen/Saal, die aktuelle Situation. Was nützen die ohnehin sehr eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten, wenn die Mannschaft ohnehin nicht in den Wettkampf eingreifen und ihr Leistungsvermögen zeigen könne. Er sei entspannt, so Schmitt. „Ich sehe das Ganze jetzt als Sommerpause, hoffe aber, dass es im Juli oder August weitergeht. Meine Spieler haben große Lust auf Fußball, wir haben ja ein Ziel vor Augen.“ Entsprechend groß war die Euphorie, als sich der SV mit 20 Personen bei einem viertägigen Trainingslager in Nord-Thüringen den letzten Schliff für die Rest-Runde holte – genau an dem Wochenende (14./15 März), als in Bayern wegen der Corona-Krise die Absetzung aller Spiele erfolgte und der SV eine Woche später wieder ins Geschehen eingegriffen hätte. Schmitt: „Wir waren so gut vorbereitet und topmotiviert.“

Beim 100-m-Lauf ist auch nach 80 Metern nicht Schluss

„Die Runde sportlich zu Ende bringen“, dafür macht sich Sebastian Schmitt stark. „Und das sage ich nicht deshalb, weil wir Spitzenreiter sind. Wir stellen uns einem Wettkampf und wollen sehen, was am Ende dabei herausspringt“, fände er einen Saisonabbruch oder gar ein auf Null stellen „sehr schade“. Die Saison sei ja nicht nach wenigen Spieltagen unterbrochen worden, immerhin seien zwei Drittel der Partien absolviert. „Bei einem 100-m-Lauf wird ja auch nicht nach 80 Metern aufgehört.“ In der Corona-Krise hat sich Schmitt, wie anderes Coaches auch, viele Gedanken gemacht. Tipps, damit das individuelle Training nicht nur aus Joggen besteht, was im Laufe der Wochen zu eintönig und langweilig geworden wäre. Bergsprint, Intervalle, Koordination und anderes mehr gab er den Spielern an die Hand.

Mit den Vorsitzenden des SV Eichenhausen, Wolfgang Rudolph, und des TSV Saal, Julian Bernhardt, steht Schmitt in ständigem Austausch, um bei neuen Entwicklungen zu reagieren. Die Mannschaft, vor allem die jungen Spieler, kann's kaum erwarten. Ob Sebastian Schmitt (seit April vorigen Jahres beim SV) seinen Vertrag verlängert? „Es hat sich gut eingespielt“, beschreibt er das gute Klima im Team, was den Höhenflug erst möglich machte. „Wir möchten da etwas aufbauen. Es macht sehr viel Spaß, mit der Mannschaft und den Verantwortlichen zu arbeiten. Von meiner Seite aus gibt es da keine Veranlassung, etwas daran zu ändern.“

Lockeres und leichtes Training bei der SpVgg Althausen-Aub

Die SpVgg Althausen-Aub war in den 56 Jahren ihres Bestehens bis auf zwei Jahre immer in der untersten Spielklasse anzutreffen und da selten im Vorderfeld. In den letzten vier, fünf Jahren indes zeigte die Erfolgskurve deutlich nach oben. Ausgerechnet in dieser Saison, in der die Mannschaft von Spielertrainer Kilian Kuhn mit großem Vorsprung (elf Punkte) an der Spitze steht, funkte Corona dazwischen. Am 15. Mai rief Kuhn seine Spieler zum ersten „freiwilligen“ Training und die allermeisten kamen. „Wir haben vereinbart, dass wir ab sofort, jeweils freitags, ganz leicht und locker und nach den amtlichen Vorgaben trainieren und, wenn der Start konkret wird, die nötigen Schippen rechtzeitig drauflegen.“

Da strahlen die Augen des Spielertrainers

Kilian Kuhn und seine Spieler haben alle Sicherheitsmaßnahmen verinnerlicht: „Je zwei Spieler im Fußball-Tennis-Einzel, zwei Spielfelder nebeneinander, der Trainer als fünfter Mann. Und auf derselben Platzhälfte noch einmal zwei Mal zwei. Mehr als acht Spieler pro Platzhälfte sind nicht erlaubt.“ Ein Spieler behauptet: „Sprints und Ausdauertraining machen jetzt noch keinen Sinn. Es dauert ja noch ein Vierteljahr.“ Und noch einmal Kuhn: „Wir können jetzt Spielformen einbeziehen, für die sonst eher zu wenig Zeit ist. Die Gaudi kommt jedenfalls nicht zu kurz.“

Was wünscht sich Kilian Kuhn, wie es weiter gehen möge? „Am liebsten würde ich die Runde fertig spielen.“ Von einem Abbruch mit aktueller Wertung hält er nichts: „Eigentlich wollen Fußballer spielen, nicht am grünen Tisch Meister werden. Wir wollen arbeiten, Leistung bringen und uns dafür belohnen.“ Bei dem Wort „Meister“ strahlen seine Augen noch mehr als sonst und seine Spieler nicken Zustimmung zu.

Jetzt schon auf den Platz zu gehen, wäre zu riskant

Der TSV Trappstadt führt die Tabelle der Kreisliga Rhön an. Man könnte also zum ersten Mal in der 93-jährigen Vereinshistorie in die Bezirksliga aufsteigen. Von einer Trainingseuphorie ist indes nichts zu spüren, jedenfalls was Mannschaftstraining betrifft. „Nach den aktuellen Regularien ist ein wirkliches Fußballtraining nicht möglich“, so Trainer Martin Beck. „Und mit Blick darauf, dass die Runde erst in 14 Wochen wieder anlaufen soll, sind wir uns einig, erst mal abzuwarten.“ Die Spieler absolvieren ihre vereinbarten Laufeinheiten – bisher alleine, inzwischen dürfen sie es ja zu zweit. „Jetzt schon auf den Platz zu gehen und es passiert vielleicht was, ist uns zu riskant.“ Beck kennt seine Truppe: „Sie sind zuverlässig. Ich bin sicher, dass sie ihr Zeug machen und sich fit halten.“

Apropos fit: Genau daran lag es ja, dass man vor der Winterpause den Vorsprung nicht noch weiter ausbauen konnte. Es gab eine Reihe von Verletzten, die Spieler mit kleineren und mittleren Blessuren haben diese auskuriert. Die zwei Leistungsträger mit Langzeitbeschwerden, Lukas Häpp mit genähtem Meniskusriss und Sebastian Wagner mit Kreuzbandriss, brauchen noch länger. Beck ist zuversichtlich: „Wenn die Runde am 1. September beginnen sollte, sind sie wieder einsatzfähig.“

Eine totale Gerechtigkeit gibt es nirgends in dieser Zeit

Welche Entwicklung käme Beck am meisten gelegen? Er lacht: „Am liebsten, wenn es möglichst schnell losginge. Das ist aber nicht zu erwarten. Wenn sie die Saison abbrechen und uns aufsteigen lassen, würden wir uns auch nicht beschweren. Allerdings sind wir uns einig, dass wir uns bei einem eventuellen Abbruch und einer kompletten Annullierung der Saison auch damit ohne zu lamentieren abfinden würden. Es wäre zwar ärgerlich, weil wir bisher eine so gute Runde gespielt haben. Es ist ganz einfach ein Ausnahmezustand und betrifft alle. Eine totale Gerechtigkeit für alle gibt es nirgends in dieser Zeit. Wenn?s so ist, dann ist?s halt so, dann spielen wir wieder in der Kreisliga, einer echt interessanten Liga zudem.“

Personell wäre man für beides gerüstet: „Wir sind auch in der Breite ganz gut aufgestellt. Abgänge haben wir keine. Es rücken Jugendspieler nach.“ Finanziell betrachtet fehlen den Trappschtern die nicht unerheblichen Umsätze bei Heimspielen. Vorsitzender Dominik Schmitt: „Wir haben die laufenden Kosten fürs Sportheim und die Platzpflege. Ein bisschen sind wir schon im Zugzwang, können uns keine großen Investitionen am Sportheim und den Sanitäranlagen leisten, die wir eigentlich geplant hatten. Unser Trainer verzichtet zurzeit auf sein Gehalt und wir haben die letzten Jahre mit dem nötigen Augenmaß ganz gut gewirtschaftet.“

Unter diesem Aspekt war auch das zu verstehen, was sich am Festplatz unter der Regie des TSV abspielte. Michael Bader: „Unter den geltenden Regeln haben wir für die Vatertags-Wanderer einen Bratwurst-Bier-to-go-Stand aufgebaut.“ Und Schmitt: „Außerdem haben wir eine Platzpatenschaft gestartet. Es sind ja mehr oder weniger Spenden, ist aber gut angelaufen. Ja, wir tun alles, dass es mit dem Verein sicher weiter läuft.“