SCHIESSEN

Beim Abstieg geht die Welt nicht unter

Jochen Selzam (im Bild) sieht in einem möglichen Abstieg „keinen Weltuntergang“. Foto: Rudi Dümpert

Passt das eigentlich sinngemäß zusammen: königlich, privilegiert, chancenlos und aussichtslos? Auf den ersten Blick eher nicht. Mit viel Tradition und Geschichte beladen sind heute noch mehrere Schützenvereine mit dem Vornamen Kgl.-priv. Schützengesellschaft. Sie sind überwiegend in den Kriegen und Fehden des Mittelalters entstanden, so auch die „Königlich-privilegierte Schützengesellschaft Bad Königshofen 1592.“ Damals diente der Adel zu Ross, der Bürger meist zu Fuß. Um auch in Friedenszeiten Übung im Gebrauch von Waffen zu erhalten, hielten Adel und Bürger gemeinsame Schießübungen ab. Durch das Aufkommen stehender Heere trat die Wehrertüchtigung in den Hintergrund, während der gesellschaftliche Teil des Schützenwesens hervortrat.

Bayernliga die dritthöchste Klasse

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die aktuelle sportliche Situation der Luftpistolen-Mannschaft des Bad Königshöfer Schützenvereins, dann wundert nicht, dass die fünf Stammschützen der Bayernliga-Mannschaft in ihrer Aussichtslosigkeit, den Klassenerhalt doch noch zu schaffen, zusammenhalten wie Pech und Schwefel. „Für uns geht dadurch die Welt nicht unter“, stellt die in Irmelshausen wohnhafte „Kontaktperson für den Bayerischen Sportschützenbund“ der Mannschaft, Jochen Selzam, fest. Er ist mit seiner Luftpistolen-Mannschaft als ungeschlagener Meister der Unterfrankenliga in die Bayernliga Nord-West aufgestiegen. Zur Einordnung: Die dreiteilige Bayernliga ist die dritthöchste in Deutschland in dieser Sportart, direkt unter der zweiteiligen 2. Bundesliga (Nord und Süd).

„Grundsätzlich waren wir froh über diesen Aufstieg“, blickt Jochen Selzam elf Monate zurück. Die Saison dauert von Mitte Oktober bis Ende Februar und wird an sieben Wettkampfsonntagen mit je zwei Wettkämpfen ausgetragen. Da treffen sich vier Mannschaften an einem Ort und es treten zwei Mal zwei von ihnen gegeneinander an. Nächster Wettkampftag ist an diesem Sonntag, 10. Februar für die Bad Königshöfer.

Heimspiel in Gollmuthhausen

Sie tragen ihre Heimspiele in Gollmuthhausen aus, weil sie selber nur über acht Schützenstände verfügen, mindestens zehn aber Bedingung sind. Ob das ein Verlust des Heimvorteils sei? „Eigentlich nicht. Die Zuschauerunterstützung hält sich eh in Grenzen. Da ist zum Beispiel in Eichstätt und in Greding schon wesentlich mehr los. Und zu den Gollmuthhäuser Schützen verbindet uns seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis.“

Externe Verstärkungen konnte der Neuling nicht an Land ziehen, „wir treten in derselben Aufstellung wie in der Unterfrankenliga an.“ Das sind Jochen Selzam, beim Beschussamt in Mellrichstadt beschäftigter Büchsenmacher, Udo Kneuer, selbstständiger Metzgermeister aus Bad Königshofen, Frank Grom, selbstständiger Landschaftsgärtner aus Maßbach, Franz Geßner, Schlosser aus Großeibstadt, und Pascal Dod, Student aus Bad Königshofen. Die Luftdruck-Pistolen wiegen maximal 1,5 Kilogramm und haben ein Abzugsgewicht von 500 Gramm. Geschossen wird mit handelsüblicher 4,5-Millimeter-Munition auf Scheiben mit neun Ringen von je acht mm Abstand, in freihändigem Anschlag aus zehn Metern Entfernung. Je ein Teammitglied tritt im Zweikampf gegen eines vom Gegner an, so dass es fünf Sieger gibt, die je einen Punkt ins Endergebnis einbringen.

Es bräuchte ein Wunder

Beim letzten Spieltag am vorletzten Sonntag gab es gegen den Tabellenvierten VfL Veitsbronn eine 2:3-Niederlage, gegen den Tabellenführer KPSG Eichstätt ein 0:5. Eichstätt kam zu dieser Saison als Absteiger aus der Bundesliga und steigt voraussichtlich wieder auf. Und Bad Königshofen steigt aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ab. Es sei denn, in den ausstehenden Wettkämpfen elf bis 14 geschieht noch ein sportliches Wunder.

Wie konnte die Mannschaft so aussichtslos mit 0:20 Punkten nach hinten durch rutschen? „Da gibt es vielleicht mehrere, aber einen wichtigen Grund“, gewährt Jochen Selzam Einblick in seine Gedankenwelt des Teamleiters. „Im Schnitt sind wir ein bisschen schlechter als im letzten Jahr. Das liegt aber daran, dass wir gleich zwei Stammkräfte mit längeren Ausfällen aus gesundheitlichen Gründen durch Schützen der zweiten Mannschaft ersetzen mussten und die schießen in der Kreisliga. Die Spanne ist viel zu groß. Das war natürlich ein Debakel, so viel Pech auf einmal hatten wir noch nie zuvor.“ Hinzu kommt, dass, wenn einer ausfällt, er nicht nur in einem, sondern gleich in zwei Wettkämpfen an einem Tag fehlt. „So ist unser Auftritt in der Bayernliga in die Hose gegangen, was aber absolut erklärbar ist. Wenn alle fit gewesen wären, hätten wir ganz gut mitmischen können.“

Vielleicht gibt es aber noch einen Grund, den er als solchen in einem anderen Zusammenhang gar nicht anführt. Bei Heimwettkämpfen ist man unter sich. Da wird auf ordinäre Scheiben geschossen. Die unmittelbare Transparenz des Trefferbilds ist für die Zuschauer nicht vorhanden, Heimspielstimmung ebenso wenig. Es geht seriös und gediegen zu. Bei den arrivierten Bayern- und ehemaligen Bundesligisten dagegen läuft eher ein Event ab. Selzam: „Die haben elektronische Schießstände wie bei Olympia. Es wird auf eine Art Lichtschranke geschossen. Direkt über dem Schützen zeigt ein Bildschirm das exakte Trefferbild an, das auch auf einer Großleinwand übertragen wird. Da kommen schon die Kommentare und Anfeuerungen früherer Größen. Mit farbigen Symbolen wird angezeigt, wer von beiden mit welchem Vorsprung führt. Das hebt die Attraktivität der Sportart und macht sie interessant.“ Dem gegenüber schießen die Bad Königshöfer noch im sportlichen Mittelalter. „Gut schießen muss man da und dort. Es ist aber schon etwas anderes“, räumt Selzam ein.

Situation nicht aussichtslos

So wie sich die Mannschaft nicht verändert hat beim Aufstieg, wird sie es auch nach dem wahrscheinlichen Abstieg nicht tun: „Wir sind uns einig, machen uns keinen Stress und keine Hektik. Wir bleiben zusammen.“ Das ist bei diesem Quintett absolut nachvollziehbar. Irgendwie haben sie bei allem Engagement und Ehrgeiz die Ruhe weg, sind in Balance. Es bringt sie nichts so leicht aus dem Gleichgewicht. Mit ihrem mehr intro- als extrovertierten Auftreten liegen sie näher am Schach- als am Fußballspieler. „Wir wissen alle, woran es gelegen hat und dass es kein Einzelner versaut hat. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Wir sind ein gutes, gefestigtes Team und werden so auch weiter- und einen neuen Anlauf machen. Nein, als aussichtslos würde ich unsere Situation nicht bezeichnen.“