Urspringen

Urspringen: Es tut sich was am Polacek-Haus

Ein großer Früchtekorb ziert die Wand zum Hof. An der Seite zur Straße soll noch ein Fries mit grafischen Motiven entstehen. Foto: Charlotte Wahler

Es tut sich was am Polacek-Haus. Ein großer Früchtekorb ziert die Wand zum Hof, Leitern stehen an der Wand. Ein Tisch mit vielen Farben steht da, Holzskulpturen sind in der Mitte des Hofes aufgestellt und wecken die Neugier. Ein großer Hummer aus grauem Holz passt zur kulinarischen Szenerie, über die sich die unverhoffte Septembersonne legt.

Der Berliner Comic-Künstler Peter Engl lebt seit drei Tagen im Künstlerhaus und bringt mit prächtigen Farben eine neue Opulenz an das Anwesen. An der Seite zur Straße wird noch ein Fries entstehen mit grafischen Motiven, erklärt Jan Polacek, der seit vielen Jahren in der ehemaligen Schule seinen Arbeitssitz hat. Nun soll dort eine Künstlerwohnung entstehen, die für artists in residence-Projekte genutzt werden kann. Ein Seminarhaus, in dem Kunstschaffende bei freier Kost und Logis eine Zeitlang leben und arbeiten und ihre Werke in neuer Umgebung präsentieren. Zunächst ist das noch ein privates Gemeinschaftsprojekt mit seiner Frau, der Soziologin Eva Marr, das sich allerdings auch zu einer öffentlichen Institution entwickeln kann.

Für vier Tage nach Urspringen

Peter Engl ist der Erste, der – allerdings nur für vier Tage - nach Urspringen kommt. Die beiden Künstler verbindet eine langjährige Freundschaft seit ihrem gemeinsamen Studium an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste. Polacek hat es in die Rhön verschlagen, Engl, der sich der Pop-Art und dem Comic verschrieben hat, machte sich in den 80er Jahren nach Berlin auf. Als Mitglied der Punkband Staubsauger hat er zum Beispiel mehrere Schallplatten und CDs veröffentlicht, unter anderem hat er einen 450-seitigen Comic über die deutsche Wiedervereinigung gemacht. "Berlin war damals ein Eldorado für mich, allerdings hat sich die Stadt schnell geändert."

Heute sei das Beste an Berlin die vielen Seen, die sich im Umland befänden, meint der in Adlershof lebende Künstler. Die Stadt sei inzwischen viel zu groß geworden, "ein gigantischer Dilettantenhaufen. Alle kommen nach Berlin, nur weil die Provinz ihre Künstler nicht fördert!" Er empfindet die Gegenwart nicht nur durch Corona als unangenehm verändert. Die digitalen Entwicklungen brächten viel neue Kompliziertheit mit sich, nicht nur die Schnelllebigkeit, auch die mediale Präsenz sei eine Herausforderung, die von vielen wesentlicheren Dingen ablenkten und Talente in einen Raum hinein verschleuderten, dem eine gewisse Echtheit fehle, so Engl. "Die handwerklichen Fähigkeiten bekommen inzwischen wieder einen ganz neuen Stellenwert!"

Kunstgenuss kann neue Lebensräume eröffnen

Die Veränderungen im Laufe der Jahre und das Thema Alt werden und Alt sein war denn auch ein gewichtiger Punkt in den künstlerischen Diskursen von Engls Urspringer Tagen. Polacek, der im Vergleich zu Engl eine gewisse ländliche Entspanntheit verkörpert, bleibt im Gespräch weiterhin provokativ und politisch, wie auch die Wuchtigkeit seiner Werke für sich spricht. Engl, der farbenfroh und eloquent in vielerlei Hinsicht ebenso provokativ diskutiert, erinnert sich an Zeiten, in denen ein Zimmer in Berlin 90 D-Mark gekostet hat und in denen ein Künstler sich "immer zwischen Hartz IV und Millionär" befunden habe. Er habe unter anderem eine Art Pop-Barock gemacht und Polacek fügt ein, dass Engls großformatige Bilder ein Vergnügen seien, an denen man sich nicht sattsehen könne.

Wieder kommt damit eine Metapher für den Genuss ins Gespräch, für den Kunstgenuss, der neue Lebensräume eröffnen kann. Aber: wer herausfalle aus dem gewöhnlichen Schema des Alltags, habe auch mit vielen Widrigkeiten des Lebens und der Bürokratie zu kämpfen, so die Erfahrung beider Künstler. Was beide verbindet, ist wohl dennoch die satte Freude, ein reiches, analoges, echtes Leben gelebt zu haben. Und Engl fügt hinzu: "Die spannendste Zeit, das war mein ganzes Leben."