Bad Neustadt/Mellrichstadt

Wie die Rhön-Grabfelder Unternehmen durch die Corona-Krise kommen

Erst die Abgasdiskussion und dann noch Corona. Die Automobilindustrie wurde und wird mit außergewöhnlichen Problemlagen konfrontiert. Foto: Sigrid Brunner

Das Coronavirus hat gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft. Nach der ersten Welle und einem Konjunktureinbruch im vergangenen Frühjahr brachte ihr der Sommer etwas Erholung. Nun bremst die zweite Corona-Welle und der erneute Lockdown die Erholung wieder etwas. Wie kommen die größeren heimischen Unternehmen derzeit durch die Corona-Krise? Wie fällt ihre Bilanz für das Jahr 2020 aus? Mit welchen Erwartungen blicken sie in das neue Jahr? Wie entwickelt sich die Kurzarbeit und ist ein Stellenabbau zu befürchten?

Jopp: Zwei Werke auf die Produktion von Masken umgestellt

"Der Lockdown im Frühjahr war ein Schock für die gesamte Automobilindustrie, die auch vorher schon nicht gut lief", blickt Martin Büchs, Geschäftsführer von Jopp in Bad Neustadt, zurück. Zwei Werke wurden kurzfristig auf die Fertigung von Masken umgestellt. Das habe jedoch den Umsatzeinbruch nicht ausgleichen können. "Wir mussten deshalb auch mit harten Sparmaßnahmen auf die fehlende Nachfrage reagieren. Weltweit haben wir fast 300 Stellen abbauen müssen", bedauert Büchs. "Das alles hat dazu geführt, dass wir bis heute stabil durch diese Krise gekommen sind."

Seit dem Sommer sei die Nachfrage der Kunden wieder so hoch wie vor Corona. Die Unsicherheit sei aber nach wie vor groß. "Wir führen daher die Kurzarbeit in Bad Neustadt weiterhin fort, damit wir bei kurzfristigen Einbrüchen reagieren können", so der Jopp-Geschäftsführer. Allerdings sei die Anzahl der betroffenen Mitarbeiter zuletzt deutlich gesunken. Ein weiterer betriebsbedingter Personalabbau sei nicht geplant, betont Martin Büchs gegenüber dieser Zeitung. Das sei mit dem Betriebsrat in einem Zukunftspaket vereinbart worden, in dem die Mitarbeiter für 2021 auch auf Lohnbestandteile verzichten.

Langfristig blickt Jopp recht optimistisch in die Zukunft. Bereits während der Krise im Frühjahr habe man Aufträge von Porsche und Audi für Elektroplattformen erhalten und aktuell würde Porsche mit Ladelösungen für Elektrofahrzeuge beliefert werden. "Wir rechnen uns gute Chancen aus, in den nächsten Monaten größere Aufträge für die Lösungen zu bekommen, die wir in unserem Campus entwickeln, also Parksperren und Thermomanagementsysteme, die unabhängig vom Antriebsstrang sind", ist Martin Büchs zuversichtlich. 

Positive Geschäftslage bei der Reich GmbH

Auch bei der Reich GmbH in Mellrichstadt sei vorbehaltlich der momentanen Auftragslage derzeit kein betriebsbedingter Stellenabbau vorgesehen, erklärt Oliver Thiele, Leiter der Abteilung Kommunikation. Die positive Geschäftslage zum Ende des Jahres 2020 würde sich erfreulicherweise auch im neuen Jahr fortsetzen.

Generell sei das Jahr 2020 in wirtschaftlicher Hinsicht ein "Jahr der fehlenden Kontinuität und Vorhersehbarkeit" gewesen. Im ersten Quartal sei der Start des Jahres wirtschaftlich ohne Beanstandungen verlaufen. Die Reich GmbH sei gut unterwegs gewesen und habe auf die Auswirkungen der Verbrauchs- und Abgas-Thematik als größeres Risiko der gesamten Automobilzulieferer-Industrie konstruktiv reagieren können. Stück für Stück verringere man Abhängigkeiten vom Verbrenner.

Kurzarbeit und Reduzierung der Sachkosten

Mit Beginn des zweiten Quartals habe man dann unmittelbar die Corona-Auswirkungen zu spüren bekommen. "Es setzte eine Welle von Auftragsstornierungen ein, bei gleichzeitig sehr geringem neuen Auftragseingang", schildert Thiele. In dieser  Phase wurden Kurzarbeit eingesetzt und Sachkosten reduziert. Weiterhin seien Überstunden und Resturlaub abgebaut worden. Entlassungen in großem Stil habe man vermeiden können. 

Mit dem dritten Quartal habe sich mehr und mehr der positive Ausblick verstetigt. Die Kurzarbeit konnte sukzessive reduziert werden und die Auftragslage verbesserte sich wieder. Im vierten Quartal war Reich dann mit dem November voll ausgelastet und die Kurzarbeit konnte vollständig beendet werden. "Will man ein Fazit ziehen, so kann man sagen: In Summe kommen wir trotz der vielen negativen Einschläge im Corona-Jahr 2020 wirtschaftlich vernünftig klar", fasst der Unternehmenssprecher zusammen. 

Das neue Jahr beginne man bei Reich "vorsichtig, aber optimistisch". "Unsere Auftragsbücher sind gut gefüllt und wir hoffen natürlich sehr, dass sich die anhaltende Corona-Situation nicht wieder besonders schädlich auf die vorliegende Auftragssituation auswirken wird", so Thiele. Aktuell spüre man davon nichts. Im Gegenteil, in vielen Bereichen sei realistisches Potential für eine Umsatzsteigerung zu sehen.

"Digitales Vorzeigewerk" von Siemens

Eher bedeckt hält man sich bei Siemens. Grundsätzlich mache man keine Angaben und Prognosen zur wirtschaftlichen Situation der einzelnen Standorte, erklärt Bernhard Lott, für Bad Neustadt zuständiger Pressesprecher der Siemens AG, gegenüber dieser Zeitung. 2020 sei ein herausforderndes Jahr für die gesamte Wirtschaft gewesen. "Natürlich haben auch wir die Auswirkungen der Pandemie gespürt", sagt Lott. Zunehmend werde das Thema Digitalisierung die wirtschaftliche Entwicklung bestimmen. "Als digitales Vorzeigewerk innerhalb der Siemens AG sind wir hier gut gerüstet und können unseren Kunden mit Rat und Tat zur Seite stehen", stellt er heraus. In Teilen der Fertigung werde bundesweit bei der Siemens AG zwar Kurzarbeit eingesetzt, man hoffe jedoch, dass sich die Situation zunehmend entspannt. Konkrete Aussagen würden sich aber nicht treffen lassen. 

Erfreulicher Auftragseingang bei Preh

Wie sieht es bei Preh aus? "Die Preh-Gruppe konnte, bedingt durch die Folgen der Lockdowns, ihre Umsatz-Planziele in 2020 nicht erreichen", führt Stephan Weng, Vorsitzender der Geschäftsführung und CEO, aus. Angesichts der außergewöhnlichen Umstände und gemessen am Gesamtumfeld der Automobilbranche habe Preh jedoch insgesamt ein zufriedenstellendes Ergebnis erreichen können. Zudem habe man im vierten Quartal 2020 einen weit über Plan liegenden Auftragseingang verbuchen können. Angesichts fortgesetzter Lockdowns in vielen Märkten und der Lieferengpässe bei Elektronikkomponenten müsse man jedoch als Automobilzulieferer die Veränderungen in der globalen Automobilnachfrage und –produktion weiter genau beobachten.

Ein hilfreiches Instrument in der momentanen Situation sei die Kurzarbeit, so Weng, die auch weiterhin nach Bedarf Anwendung finden werde. Könnte ein Stellenabbau möglich sein? "In diesen außergewöhnlichen Zeiten gibt es keine Garantien für künftige Entwicklungen des Marktes und daraus resultierende Notwendigkeiten wirtschaftlicher Anpassungen", entgegnet der Unternehmenschef.

Nachdem Anfang 2020 rund 80 Stellen abgebaut wurden, konnten die wirtschaftlichen Herausforderungen der Lockdowns mit freiwilligem Einkommensverzicht bei Führungskräften sowie Kurzarbeit der Mitarbeiter bewältigt werden. Aus der geringen derzeitigen Kurzarbeitsquote lasse sich jedoch ableiten, dass aktuell keine akute Gefahr eines Stellenabbaus bei Preh in Bad Neustadt bestehe.