MELLRICHSTADT

Pfundig, auch ohne Schwergewichte

Dorothee Bär (Heike Hartmann) als Mellrichstädter Bürgermeisterin? Die neue Staatsministerin hatte mit ihrer „heißen Luft, hübsch verpackt in Luftballons“ in Berlin ganz andere Ziele. Foto: Ralph Rautenberg

Auch wenn die „Opfer“ fehlten – Bruder Oscarius und sein Engelschor gingen keineswegs auf Kuschelkurs. Besonders beim Lokalkolorit sprühten Fastenpredigt in Reimform und die umgedichteten Songs am Samstag wieder vor Witz. Im katholischen Pfarrsaal hatten die Freien Wähler zum nunmehr „6. Mellerschter Derblecken“ eingeladen. Dort ging es nach der Premiere 2016 zum zweiten Mal deftig zur Sache. Oder „pfundig“, wie der Oberbayer sagen würde.

Eigentlich war alles da, was man für ein zünftiges Derblecken nach Nockherberg-Vorbild braucht. Politisch interessierte Bürger en masse, Blasmusik von den „Los Krawallos“, literweise Starkbier und herzhafte Speisen. Eigentlich. Denn eines war am Samstag Mangelware: Großkopferte. Kein Seehofer, Söder oder Dr. Bernd Weiß. Keine Bär, kein Landrat, kein Staatssekretär Eck, der beim letzten Derblecken vor zwei Jahren noch als schlagfertiger Sparringspartner von Bruder Oscarius glänzte. Nicht einmal Bürgermeister Eberhard Streit war da. Der allerdings mit gutem Grund. Er weilte im Skiurlaub.

Frank Vetter rettete als dritter Bürgermeister mit einer Handvoll Stadträten, die nicht den Freien Wählern angehören, die Ehre der Stadt. Vetter übernahm auch den offiziellen Akt des Starkbier-Anstichs. Mit zwei kräftigen Schlägen rammte er den Zapfhahn ins Fass, so dass die zweite Vorsitzende der Freien Wähler Mellrichstadt Nicole Seemann pünktlich verkünden konnte: „O'zapft is!“

Natürlich warteten alle gespannt auf die Fastenpredigt von Bruder Oscarius (Ralf Hartmann). Traditionell angekündigt von Engel „Aloisius 2.“ (Thomas Dietz) – der voller Überzeugung behauptete, dass in Mellrichstadt dank zehn Jahren Freien Wählern an der Macht „Zufriedenheit in jedem Haus“ herrsche – zog der Mönch samt Engelschor zur Mellrichstädter Version von „Hulapalu“ in den Pfarrsaal ein.

Auf der Bühne stellte er schnell fest: „Dann könn' mer ach wieder geh'n, wenn keiner da is.“ Doch Ralf Hartmann wäre nicht Ralf Hartmann, wenn er nicht improvisieren könnte. „Dann greif ich halt zurück auf die alten Opfer“, meinte er lapidar. Mellrichstadts Mäzen Karl-Hermann Reich zum Beispiel. Der filmte wieder kräftig das Geschehen, was Hartmann erneut mit einem strengen „Handy aus!“ kommentierte.

Oscarius machte sich Gedanken, wer in zwei Jahren bei den Kommunalwahlen 2020 Bürgermeister Eberhard Streit ablösen könnte. Der sei nun auch schon 60 Jahre alt – und seit neuestem „Wohnmobilist“. Selbiges könnte er als Fluchtfahrzeug nehmen, sollte „die Alfons-Halbig-Platz-Affäre eskalieren“. Das Thema war natürlich Pflicht. „In Mellerscht gibt's nen grünen Platz, der sowas wie Kultstatus hat“, sangen die Engel in der modifizierten Version „Skandal um Alfons“. Erstaunt stellte Oscarius fest, dass die „Generation 65 plus“ am lautesten gegen eine Bebauung der „grünen Lunge der Stadt“ mit einem Ärztehaus lamentiere. Scheinbar gelte das Motto: „Dann sterbe mer halt früher, dafür aber wenigstens auf'm Halbig-Platz.“

Warum sich Mellrichstadt mit einem Donut-Syndrom (der äußere Ring bewohnt, in der Mitte ein Loch) herumschlage, welche Vorteile die Bodenerwärmung durch SuedLink-Kabel hat (die Chance für eine städtische Cannabis-Plantage) oder wieso die Stickstoffbelastung in der Innenstadt so hoch wie am Münchner Stachus ist (im ersten Gang bei 7.000 Umdrehungen durch den verkehrsberuhigten Bereich), erklärte der Mönch weiter.

Seine (musikalische) Suche nach einem Bürgermeister-Kandidaten gestaltete sich wie bei den „zehn kleinen Jägermeistern“. Am Ende blieb Markus Groenen übrig. Der konnte jedoch wegen vollem Mund auf die Frage „Willst du die hier anwesende Stadt annehmen?“ gerade nicht antworten, woraus Oscarius schlussfolgerte: „Der macht den Kasper net.“

Also erweiterte er den Kandidatenkreis. Deutlich. Wenn schon keine echten Schwergewichte anwesend waren, dann mussten die Freien Wähler sie halt selbst in den Pfarrsaal bringen.

So statteten im zweiten Teil der vom Hoffnungsträger zum Niedergang der SPD avancierte Martin Schulz (ebenfalls Ralf Hartmann), das CSU-Flaggschiff der Digitalisierung Dorothee Bär und gar die ganz und gar humorfreie Alice Weidel von der AfD (beides Heike Hartmann) die Bühne.

Das war schauspielerisch große Klasse, wie beide Hartmanns Auftreten und auch Sprache ihrer Figuren darstellten. Ohne Einwände konnte man Oscarius' Antwort auf Weidels Provokation unterschreiben, dass sich zwar womöglich ein paar „lächerliche Figuren“ im Pfarrsaal befinden würden, das seien aber wenigstens „Deppen im Dienste der Demokratie“. Mit lautem „Halleluja“ wurden die populistischen Reden übertönt, wobei das Publikum kräftig mithalf. Unterm Strich waren auch diese Drei keine geeigneten Bürgermeister-Kandidaten.

So blieb nur ein Fazit: „Eberhard ist alternativlos“. Deshalb war er am Ende doch noch persönlich da. Ralf Hartmann schlüpfte in seine dritte Rolle und sang eine Liebeserklärung des Bürgermeisters an sein Mellrichstadt. „Da bin ich her, da gehör' ich hin!“ Auch wenn er genau genommen aus Oberstreu ist.

Am Ende brandete hochverdienter Beifall auf für Ralf und Heike Hartmann sowie den Chor, der aus Thomas Dietz, Robert Pöche, Thomas Erhard, Michael Mühlfeld, Robert Mack, Barbara Böhm und – erstmals dabei – Jana Rösner bestand. Ein Dank der Akteure galt Klemens Damm (Licht), Joachim Gluth (Ton), Hans Georg Link (Bühnenbild), Elias Mack (Beamer) und allen Helfern der Freien Wähler. Das Schlusslied durfte als Appell an alle Bürger gelten: „Mellerscht, wir schauen nach vorn, aus Zaudern und Meckern ist niemals noch je etwas wor'n.“

„Eberhard ist alternativlos“: Nachdem der echte Bürgermeister Streit im Urlaub war, musste ihn Ralf Hartmann selbst auf die Bühne bringen. Foto: Ralph Rautenberg
„Skandal um Alfons“: Der Alfons-Halbig-Platz war für Bruder Oscarius und seinen Engelschor natürlich ein gefundenes Fressen und wurde mit einem eigenen Song bedacht. Foto: Ralph Rautenberg
„O'zapft ist!“: Frank Vetter, 3. Bürgermeister, übernahm den Starkbier-Anstich. Ihm assistierten (von rechts) Thomas Dietz und Michael Mühlfeld. Foto: Ralph Rautenberg